Wenn Buddha auf Facebook trifft: Liebende Güte und die Kunst des achtsamen Ghostings
R. erzählte mir, wie er in den 1980ern als Backpacker nach Bhutan kam. Eher durch Zufall. Wie er dort die bhutanische Prinzessin traf, in Kambodscha frittierte Spinnen aß und mit seinem Rucksack durch Vietnam und Thailand zog. R. ist ein bisschen älter als ich. Ich lernte ihn in dem bayerischen Dorf kennen, in dem ich früher Urlaub machte. Es war Dorffest. Aber keine Band, keine Attraktion und kein Streetfood-Wagen war so interessant wie die Abenteuer von R.
Natürlich nahm ich seine Freundschaftsanfrage auf Facebook an.
Und dann öffneten sich die Tore zur Hölle.
R. entpuppte sich als das deutsche Äquivalent eines typischen MAGA-Anhängers: Eine Flut aus Putin-Propaganda, Chemtrail-Bildern und „Fakten“ gegen den menschengemachten Klimawandel überschwemmte meine Timeline. Der Algorithmus hatte leichtes Spiel mit mir, und aus der Flut wurde ein Tsunami. Denn ich kommentierte, korrigierte, betrieb Fact-Checking. Je nach Laune verspottete ich subtil seine Ignoranz. Wie konnte jemand, der so weit gereist war, so engstirnig sein?
Ich konnte R. nicht davon überzeugen, dass Impfungen keinen Autismus verursachen oder dass unser Lebensstil das Klima verändert – und nicht etwa Sonnenflecken. Ich scheiterte auch daran, ihm den Unterschied zwischen lokalem Wetter und globalem Klima zu erklären. Egal. Ich kommentierte nicht für ihn, sondern für die Mitleser, die stille, unentschlossene Mehrheit. Zumindest redete ich mir das ein. In Wahrheit wollte ich ihn als Stellvertreter für alles pulverisieren, was auf dieser Welt schiefläuft. Ich formulierte immer längere Antworten, die ich dann löschte, neu formulierte, manchmal abschickte, oft nicht. Ich hätte es besser wissen müssen.
Unter Menschen wie Holz werden
Einer meiner buddhistischen Lehrer sagte mir vor Jahren: „Im Umgang mit schwierigen Menschen solltest du wie Holz werden.“ Reglos, unerschütterlich, aber nicht tot. Das ist immer noch besser, als den Gleichmut zu verlieren. Ganz zu schweigen vom Mitgefühl. Oder gar der Liebenden Güte. All das hatte ich während meiner großen Offensive für das Schöne, Gute und Wahre vergessen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, R. im Namen der Menschlichkeit lächerlich zu machen, ihn bloßzustellen, zu belehren und ihn im Idealfall in den Schoß dessen zurückzuholen, was ich Zivilisation nenne.
Dann landete der Newsletter von Reading Faithfully in meinem Posteingang – und mit ihm eine 2.500 Jahre alte Antwort auf mein Facebook-Problem:
„Mönche, ein Mönch sollte diese fünf Methoden anwenden, um Groll vollständig loszuwerden, wenn er gegen jemanden aufkommt. Welche fünf?Du solltest Liebe entwickeln für eine Person, gegen die du Groll hegst. ...Du solltest Mitgefühl entwickeln für eine Person, gegen die du Groll hegst. ...Du solltest Gleichmut entwickeln für eine Person, gegen die du Groll hegst. ...Du solltest eine Person, gegen die du Groll hegst, ignorieren und ihr keinerlei Aufmerksamkeit schenken. ...Du solltest das Konzept, dass wir die Eigentümer unserer Taten sind, auf diese Person anwenden: ‚Dieser Ehrwürdige ist der Eigentümer seiner Taten und Erbe seiner Taten. Taten sind sein Schoß, seine Verwandten und seine Zuflucht. Er wird der Erbe dessen sein, was auch immer er tut, ob gut oder schlecht.‘ So wird man Groll gegen diese Person los.“(AN 5.161 Paṭhamaāghātapaṭivinayasutta: Groll loswerden)
Mitgefühl? Im Prinzip ja. Aber nicht, wenn ich Posts sehe, in denen Geflüchtete als „Invasoren“ bezeichnet werden.
Gleichmut? Bei Klimawandelleugnung, während die Wälder brennen?
Liebende Güte? Während Frauenrechte als „Genderklimbim“ verspottet werden?
Es blieb also nur die vierte Option: Ignorieren. Zu „Holz“ werden. Ghosting. Aber ist das nicht nur spirituell getarnte Ignoranz?
McMindfulness: Wenn Spiritualität zur Bequemlichkeit wird
Buddhisten wollen anderen fühlenden Wesen keinen Schaden zufügen. Zumindest das. Im Idealfall wollen sie allen Wesen nützlich sein – das „Bruttoglück“ steigern. „Liebende Güte“ (Metta) ist der spirituelle Dresscode auf dem achtfachen Pfad Richtung Nirwana. Zusammen mit Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut gehört die „Liebende Güte“ zu den „Vier Unermesslichen“.
Sowohl Anhänger des Hinayana als auch des Mahayana würden dem grundlegend zustimmen. Man hasst Donald Trump, Kim Jong Un, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Viktor Orbán, Alice Weidel, Wladimir Putin oder Jair Bolsonaro nicht. Man hasst das, was sie repräsentieren: ihre Gier, ihren Hass, ihre Verblendung – die drei Wurzelgifte des Buddhismus. Die Riege der machtkorrupten Milliardäre und Autokraten kitzelt stattdessen dein Mitgefühl. Du fragst dich: Was zum Teufel ist bei denen schiefgelaufen? Aber du entschuldigst es nicht. Mitgefühl bedeutet nicht Nachgiebigkeit.
Hier wird es gefährlich: Jeder der oben genannten Vertreter eines menschenfeindlichen Weltbildes wird die Konsequenzen seines Handelns durch Karma tragen müssen. Du kannst dir dessen sicher sein und musst daher nichts weiter tun.
Diese Einstellung ist „McMindfulness“. Spiritualität als Beruhigungspille.
Wahre Liebende Güte erfordert Mut
„Genugtuung“ durch eine Art kompensatorische „Gerechtigkeit“ ist nicht der Punkt. Denn: Buddhisten wollen allen Wesen nützlich sein. Das schließt auch die Elon Zuckerberg Trump Bezos dieser Welt ein.
Gerade weil du als Buddhist, Hindu oder „New Age“-Anhänger um das Gesetz des Karma weißt, solltest du manchmal damit beginnen, die Person zu ignorieren: Damit sich die Fronten nicht weiter verhärten. Nicht aus Resignation, sondern aus strategischer Weisheit.
Du lehnst dich nicht zurück, weil der Vertreter eines dämlichen, herzlosen, degenerierten, menschenfeindlichen, abscheulichen, idiotischen Weltbildes früher oder später von den „karmischen Rächern“ zur Strecke gebracht wird. Sondern weil du – um der Elon Zuckerberg Trump Bezos willen – nicht willst, dass die Fronten weiter verhärten, die Situation eskaliert und du am Ende selbst zu einem verbitterten, gefühlskalten und selbstgerechten Pedanten wirst.
Im Buddhismus gibt es das Konzept der „geschickten Mittel“ (Upaya) – das Wissen, dass es manchmal besser ist, das scheinbar Falsche zu tun. Es erfordert Weisheit, die das Wohl des anderen genauso im Blick behält wie das eigene, um das jeweils „geschickte Mittel“ zu erkennen. Manchmal kann es bedeuten, aus tiefem Mitgefühl wie Holz zu werden.
Das Geschickteste, was ich tun konnte, war, R. stummzuschalten.