Gewohnheiten durchbrechen: Nutze das buddhistische Konzept der 12 Glieder des Entstehens
Entdecke, wie du mit einem Kernkonzept des Buddhismus ein tieferes Verständnis für dein Leben gewinnst. Hier erfährst du alles über die Theorie der 12 Glieder des abhängigen Entstehens und wendest sie direkt in einer praktischen Übung an.
Ob du nun eine unterhaltsame intellektuelle Fingerübung suchst, ein Gesprächsthema für die nächste Party oder eine Erklärung für dein verkorkstes Beziehungsleben – die 12 Glieder des abhängigen Entstehens sind all das und noch viel mehr. Es handelt sich um einen 2.500 Jahre alten Bauplan, der dir nicht nur hilft, die Prozesse von Entstehen und Vergehen besser zu verstehen. Er ermöglicht es dir, die einzelnen Akte des Dramas „Mein Leben“, „Mein komplizierter Beziehungsstatus“ oder „Wie bin ich da bloß wieder reingeraten?“ zu durchschauen. Rückwirkend ist das oft einfach. Im Voraus weniger. Die Botschaft lautet: Um Muster zu durchbrechen, muss man sie erst einmal erkennen.
Die universelle Formel für Entstehen und Vergehen
Der Kreislauf von Werden und Vergehen wird in 12 Abschnitte unterteilt. Das kann ganz buchstäblich die Entwicklung deines Lebens sein – von der befruchteten Eizelle über den Fötus bis zur Geburt. Oder dort, wo etwas endet und Neues beginnt: deine Reifung als Mensch vom Säugling bis ins hohe Alter. Es kann deine Karriereentwicklung betreffen. Die Beziehung zu deiner Mutter oder deinem Crush. Alles beginnt mit einer grundlegenden Täuschung über die Realität. (Die Älteren unter uns kennen das als die Sache mit der roten und blauen Pille. Alle anderen haben diese Einsicht irgendwo zwischen TikTok und Reality-Check verinnerlicht.)
Das abhängige Entstehen verdeutlicht, wie aus einem subtilen mentalen Impuls eine komplette Realität entsteht und schließlich wieder zerfällt. Es ist ein universelles Muster, das von persönlichen Gedanken bis hin zu globalen Entwicklungen wie Weltwirtschaftskrisen funktioniert. Zugegeben, es ist ein wenig technisch. Aber wenn du die folgenden acht Absätze gelesen hast, wirst du selbst entscheiden können, an welchem Punkt du aus diesem – nun ja – Teufelskreis aussteigen willst.
Die 12 Stadien: Vom Gedanken zur Realität
Aus Unwissenheit (1) entstehen unbewusste Impulse (2) – „Mag ich“, „Mag ich nicht“ – aus denen sich ein Bewusstsein (3) für etwas entwickelt. Zum Beispiel für eine bestimmte Person, ein Karriereziel oder eine Sucht. Darin manifestieren sich nun Name und Form (4). Mit anderen Worten: Konzepte und Identitäten. Dies führt automatisch zur Bildung einer spezifischen Wahrnehmung, die die eigenen sechs Sinne (5) formt.
Deine Sinne werden zur Realität
Moment, sechs Sinne? Es gibt doch nur fünf: Tasten, Riechen, Schmecken, Sehen und Hören. Stimmt. Im Buddhismus wird jedoch auch die Wahrnehmung von Geisteszuständen, wie etwa Gedanken, als Sinn gezählt. Der Geist gilt als sechster Sinn, weil er genau wie die anderen Sinne Objekte wahrnimmt: Erinnerungen, Fantasien, Emotionen, Konzepte. So wie dein Auge Farben „sieht“ und dein Ohr Töne „hört“, „nimmt dein Geist Gedanken und mentale Bilder wahr“. Du entwickelst spezialisierte „Sinne“ für das, womit du dich beschäftigst – einen „Spekulations-Sinn“ bei Aktiengeschäften, einen „Beziehungs-Sinn“ beim Dating.
Diese Sinne treffen nun auf die Realität – die Berührung (6). Du kennst den Spruch, dass man nur sieht, was man sehen will, oder dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist? Diese Weisheit ist eine Folge dieses Konzepts. Im Dhammapada, der ältesten überlieferten Schriftsammlung des Buddhismus, heißt es: „Der Geist geht allen Dingen voraus. Der Geist ist ihr Gebieter; sie sind vom Geist erschaffen.“ (Tu dir selbst einen Gefallen und lies das ganze Werk. Aber erst, nachdem du diesen Artikel zu Ende gelesen hast.)
Der Kontakt mit der Realität führt unweigerlich zu Empfindungen (7). Diese können negativ, positiv oder neutral sein. Daraus entsteht Begehren (8): Ich will entweder mehr davon oder weniger davon (und stattdessen mehr von etwas anderem). Dies führt automatisch zur neunten Stufe: Ergreifen – das verzweifelte Festhalten an dem, was man will.
Jetzt wird es spannend: Der ursprüngliche, oft winzige Gedanke hat bereits so viel Eigendynamik entwickelt, dass er beginnt, deine Realität aktiv zu gestalten. Der ursprüngliche Impuls (1) ist nun dabei, die Wirklichkeit zu formen. Werden/Sein ist die zehnte Stufe. Es ist zum „Potenzial“ geworden. Aber erst mit der elften Stufe, der Geburt, wird aus dem Potenzial ein manifestes Ereignis. In der Quantenphysik kollabiert die Wellenfunktion zu einem messbaren Teilchen. Hier kollabiert das „Potenzial“ (10) in die manifeste „Geburt“ (11) einer neuen Realität.
In dem Moment, in dem etwas geboren wird, beginnt der Prozess des Alterns. Dementsprechend heißt der letzte Abschnitt Altern und – Triggerwarnung – Tod (12).
Der Teufelskreis und Wege zum Ausbruch
Wichtig: Dies ist ein Kreislauf! Am Ende führt der „Tod“ (12) zurück zur „Unwissenheit“ (1) – man lernt nicht aus Krisen und wiederholt dieselben Fehler. Die gute Nachricht: Du kannst an jedem Punkt intervenieren und ausbrechen! In den Stufen 1–3 durch Bildung, in den Stufen 7–9 durch Achtsamkeit und in den Stufen 10–11 durch rechtzeitige Regulierung. Aber darum geht es in diesem Artikel (noch) nicht. Schauen wir uns erst einmal an, wie du die 12 Glieder des abhängigen Entstehens in der Praxis anwenden kannst. Walter White und Jesse Pinkman aus Breaking Bad helfen uns, das Konzept zu verdeutlichen.
Breaking Bad: Die Chemie des Existenzkreislaufs
Warnung: Falls du noch nicht alle Staffeln der Serie gesehen hast, tu dir einen Gefallen und lies NICHT weiter. Das Konzept des Lebensrades hat zwar das Potenzial, dein Leben zu verändern, aber Breaking Bad wird dich definitiv verdammt gut unterhalten. Komm also nach 62 Episoden (à ca. 50 Minuten) wieder und gewinne eine neue Perspektive auf vertraute Muster. Alternativ kannst du dir das folgende Beispiel zu Game of Thrones ansehen. Für alle anderen: Willkommen im Meth-Labor!
Das zwölfteilige Entstehen des Walter White
- Avidya (Unwissenheit) → Grundlegende Selbsttäuschung über seine Motive: „Ich tue das für die Familie“ – Walt verleugnet seine Ego-Verletzung und seinen Hunger nach Macht.
- Samskara (Gestaltungskräfte) → Mentale Impulse entstehen: „Ich verdiene mehr“, „Das Leben ist unfair zu mir“, „Ich bin ein Versager“ – nach der Krebsdiagnose.
- Vijnana (Bewusstsein) → Eine spezifische Bewusstseinsausrichtung entwickelt sich: „Meth-Koch-Mentalität“ – er sieht plötzlich überall Chancen und Chemie.
- Nama-Rupa (Name und Form) → Konkrete Identitäten manifestieren sich: „Heisenberg“ ist geboren – neue Persona, neue Kleidung, neue Sprache.
- Sad-Ayatana (Sechs Sinnesbereiche) → Spezialisierte Wahrnehmungskanäle. Walter entwickelt einen „Dealer-Sinn“ – riecht Gefahr, hört Lügen, sieht überall Verrat.
- Sparsha (Kontakt) → Erster Kontakt mit der „Realität“: Das erste Mal Kochen mit Jesse – das Wohnmobil in der Wüste, die ersten 7.000 Dollar.
- Vedana (Empfindung) → Bewertung als angenehm/unangenehm – Der Rausch! Macht, Geld und Respekt fühlen sich großartig an.
- Trishna (Begehren/Durst) → Gier nach mehr: „Wir brauchen mehr Territorium“, „I’m in the empire business.“
- Upadana (Anhaften) → Verzweifeltes Festhalten: Kann nicht aufhören, obwohl er genug Geld hat; tötet Mike, vergiftet Brock.
- Bhava (Werden/Sein) → Die neue Realität nimmt vollständige Gestalt an: Heisenberg übernimmt komplett. Walt ist nur noch eine Maske.
- Jati (Geburt) → Die Manifestation wird „real“: „I am the one who knocks!“ – Der Drogenbaron ist vollständig „geboren“.
- Jara-Maranam (Altern und Tod) → Verfall und Ende: Verliert Familie, Freunde, Geld, sein Leben – stirbt einsam im Meth-Labor.
Der Kreislauf: Seine „Unwissenheit“ über seine wahren Motive führt letztlich zum vollständigen Verlust von allem, was er angeblich „schützen“ wollte. Das Tragische ist, dass Walter an mehreren Punkten hätte aussteigen können. Nach dem ersten Kochvorgang (Glied 6), als er merkte, wie gut sich Macht anfühlt (Glied 7), oder spätestens, als sein Ego wichtiger wurde als das Geld (Glied 8). Aber jedes Mal siegte die Selbsttäuschung über die Selbstreflexion.
Game of Thrones: Von Drachen und Karma
In Westeros gilt dasselbe wie in New Mexico: Wenn du die Serie noch sehen willst, lies dies später.
Das zwölfteilige Entstehen der Daenerys Targaryen
- Avidya (Unwissenheit) → Selbsttäuschung über ihre Mission: „Ich bin die rechtmäßige Königin und Befreierin“ – ignoriert, dass Eroberung nicht gleich Befreiung ist.
- Samskara (Gestaltungskräfte) → Mentale Impulse basierend auf Viserys' Geschichten: „Der Eiserne Thron gehört den Targaryens“, „Ich bringe Gerechtigkeit“.
- Vijnana (Bewusstsein) → Messias-Bewusstsein entsteht: „Drachenkönigin-Mentalität“, sieht sich als auserwählte Retterin der Unterdrückten.
- Nama-Rupa (Name und Form) → Konkrete Titel manifestieren sich: „Khaleesi“, „Mutter der Drachen“, „Sprengerin der Ketten“ – jeder Titel stärkt das Ego.
- Sad-Ayatana (Sechs Sinne) → „Königinnen-Sinn“: Hört nur noch Titel, sieht überall Feinde und wittert „Verrat“.
- Sparsha (Kontakt) → Kontakt mit echter Macht: Erste befreite Sklaven in der Sklavenbucht, der Rausch der Verehrung.
- Vedana (Empfindung) → Anbetung fühlt sich fantastisch an: „Mhysa! Mhysa!“, der Jubel wird zur Droge.
- Trishna (Begehren) → Wunsch nach universeller Verehrung: „Ich will nicht gefürchtet, ich will geliebt werden.“ In Wahrheit will sie beides.
- Upadana (Anhaften) → Hält verzweifelt an der Rolle der Befreierin fest: Kann nicht akzeptieren, dass Westeros sie nicht will; „Sie werden lernen, mich zu lieben.“
- Bhava (Werden) → Tyrannische Realität formt sich: Verbrennt die Tarlys, wird zunehmend paranoid.
- Jati (Geburt) → Die „Mad Queen“ ist geboren: „Let it be fear then“ – brennt Königsmund nieder.
- Jara-Maranam (Altern und Tod) → Verfall und Ende: Verliert alles (Drachen, Vertraute, Leben) – stirbt durch Jons Hand.
Der Kreislauf: Ihre „Unwissenheit“ über die Natur von Macht und Liebe lässt sie genau zu dem werden, was sie bekämpfen wollte – eine Tyrannin.
Und jetzt du
Buddha lehrte die 12 Glieder, um zu zeigen, wie wir unsere Realitäten ständig miterschaffen. Sein Ziel war es, Menschen aus dem endlosen Kreislauf von Leiden und Wiederholung zu befreien. Nicht durch Moral oder Verbote, sondern durch Verstehen. Wer die Mechanismen durchschaut, kann sich bewusst ausklinken.
Wie wendest du das auf dein eigenes Leben an?
Schritt 1: Erkenne deine Muster Welche Samen der „Unwissenheit“ (1) säst du immer wieder aus?
- In Beziehungen: „Alle anderen sind das Problem.“
- Im Beruf: „Ich bin nicht gut genug.“
- Beim Geld: „Ich verdiene es nicht, viel zu haben.“ Mini-Übung: Nimm dir 5 Minuten und schreibe auf: „Das Problem in meinem Leben ist immer...“ – was dir als Erstes einfällt, ist oft dein Samen der Unwissenheit.
Schritt 2: Finde den Notausgang Es dreht sich nicht nur EIN Rad der 12 Glieder, sondern Dutzende. Je achtsamer du bist, desto besser kannst du intervenieren:
- Glieder 1–3: Bildung und Selbstreflexion. Hinterfrage deine Grundannahmen. „Was halte ich hier für selbstverständlich?“
- Glieder 4–6: Achtsamkeit für Rollen und Sinne. „Welche Rolle spiele ich gerade und warum?“
- Glieder 7–9: Emotionsregulation. Merkst du, wenn aus einer Empfindung Gier wird? „Wo genau in meinem Körper fühle ich das?“
- Glieder 10–12: Rechtzeitiges Stoppen. Halte inne, bevor das Potenzial zur Realität wird. „Was würde passieren, wenn ich jetzt einfach... gar nichts täte?“
Schritt 3: Bewusstes Unterbrechen üben Wenn du das nächste Mal merkst, dass ein altes Muster anspringt, frage dich: „An welchem Punkt der 12 Stufen stehe ich gerade?“ Oft reicht dieses Bewusstsein schon aus, um die Automatik zu stoppen.
Die 3-Sekunden-Regel: Wenn du ein altes Muster bemerkst, zähle langsam bis drei. In diesen drei Sekunden erkennst du meist, wo du auf dem Rad stehst, und kannst dich bewusst für eine andere Richtung entscheiden.
Analysiere deine Muster und beginne einen neuen Weg
Die 2.500 Jahre alte Weisheit ist simpel: Was du verstehst, kontrolliert dich nicht mehr. Was du nicht verstehst, wiederholt sich endlos. Die Betonung liegt auf „Verstehen“ – nicht auf „Wissen“. Du magst intellektuell wissen, dass Eifersucht nicht förderlich ist, aber das bedeutet nicht, dass du sie im Griff hast. Der 12-Stufen-Prozess hilft dir jedoch, die Distanz zwischen „dir“ und deiner Gewohnheit zu vergrößern. Deshalb ist dieses Wissen heute noch so relevant.
CU next time. Genieße die Reise.